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Innovativer Beton für ein außergewöhnliches Gebäude

Aus: industrieBau, Ausgabe 4/2003, Seiten 17-23.
Vor gut einem Jahr wurde im niedersächsischen Wolfsburg der Grundstein für das Science Center Phaeno gelegt. Es soll auf einer Bruttogeschossfläche von 11295 m2 den interaktiven Zugang zu Naturwissenschaften und Technik ermöglichen. Die ungewöhnlichen Formen - verzogene Kegel - konnten nur mit Selbstverdichtendem Beton gefertigt werden, für den eine bauaufsichtliche Zulassung im Einzelfall nötig war.
Jola Horschig, Springe
Dipl.-Ing. Rolf Gieselmann
Dr. rer. Nat. Mathias Höppner, Leiter Technical Marketing, Holcim (Deutschland) AG, Höver

Cone 7 weist eine Höhe von 6,50 m auf. Er wird den Verladekern mit Lastenaufzug sowie den Zugangslift zur Stadtbrücke beherbergen
Foto: Holcim/UBN
Anfang 2005 ist es soweit: Dann wird das Science Center Phaeno in Wolfsburg seine Tore öffnen und seinen Besuchern eine vielfältige Experimentierlandschaft für Naturwissenschaftn und Technik präsentieren. Geplant sind unter anderem 250 interaktive Exponate zum selbstständigen Experimentieren unter Anleitung sowie ein Ideenforum zum forschenden Experimentieren. Nicht nur Familien und schulklassen, sondern auch Firmen, Verbände und Institutionen sollen die Möglichkeit nutzen, denn das Phaeno will auch zu Unternehmen und Wissenschaftseinrichtugnen eine Brücke schlagen.
Vor zwei Jahren begannen die Bauarbeiten für das Science Center, das quasi im Schnittpunkt der Blickbeziheungen Bahnhof, City und Autostadt entsteht. Im März 2001 war der erste Spatenstich, im März 2003 fand die offizielle Grundsteinlegung statt. Der Entwurf stammt von Zaha Hadid, die mit einem spektatkulären Vorschlag den international ausgeschriebenen Wettbewerb für sich entscheiden konnte. Sie hat die vorhandene städtebaulich desolate Situation um den Bahnhof erkannt und eine Raumskultpur entworfen, die etwas 7 m über dem Boden schwebt. Ein Lichtteppich, der unterhalb des Gebäudes angebracht wird, soll diesen Eindruck noch verstärken. Mit dieser - im wahrsten Sinne des Wortes - abgehobenen Architektur schafft Hadid einen öffentlichen Raum mit vielfältigen Blickverbindungen und - neben Kulturzentrum (Alvar Aalto), Theater (Hans Scharoun), Kunstmuseum (Schweger und Partner), Autostadt (Henn Architekten) - ein weiteres architektonisches Highlight in Wolfsburg. Für die Umsetzung des Entwurfs zeichnet die Architektengemeinschaft Science Center Wolfsburg, Zaha Hadid Ltd. & Mayer Bährle, Freie Architekten BDA, verantwortlich.
An zehn Stellen setzt der schwebende Baukörper über konische Raumstützen auf dem Boden auf. Jeder dieser so genannten Cones ist anders geformt und dient als Tragwerk für das Gebäude. Fünf Cones reichen bis zum Dach und übernehmen auch hierfür tragende Funktionen. Die Hauptaustellungsebene befindet sich in einer Höhe von 7,70 m. Nach den Vorstellungen der Architektin entstehen hier weite Räume, die ungehinderte Blickbeziehungen zulassen und den Besuchern eine einfache räumliche Orientierung ermöglichen. Die Stadtbrücke zur Autostadt durchquert das Gebäude und erlaubt durch die Glasfassade Einblicke in den Austellungsbereich.
Unterhalb des Science Centers entsteht ein überdachter öffentlicher Raum, der als verbindendes Element zwischen Bahnhof, City und Autostadt fungiert. Außerdem werden im Außenbereich des 17900 m2 großen Grundstücks Ausstellungsflächen des Wissenschaftszentrums sowie Freiflächen für die Besucher entstehen.
Die Cones sind im Innern hohl, denn sie werden unter anderem Eingänge, Werkstätten, ein Wissenschaftstheater mit etwa 260 Sitzplätzen, ein Restaurant und Geschäfte beherbergen. Einige sollen durch die dreidimensionale Kontinuität des Raumes wie Krater wirken, Licht von oben einfallen lassen und vom Erdgeschoss aus Einblicke nach oben in die 5600 m2 große Ausstellung erlauben. Mit deren Ausgestaltung hat die Stadt Wolfsburg Joseph G. Ansel aus San Francisco beauftragt. Er was stellvertretender Direktor des dortigen Exploratoriums und befasst sich seit 28 Jahren mit der Entwicklung von interaktiven Exponaten und dem Management von Science Centern. Er ist frühzeitig in die Realisierung des Phaeno einbezogen worden, damit die inahltliche Konzeption bereits bei der architektonischen Umsetzung berücksichtigt wird.
Nun handelt es sich bei einem Wissenschaftszentrum nicht um einen Industrie- oder Gewerbebau. Dass industrieBAU dennoch darüber berichtet, liegt an dem speziellen Beton, der bei diesem Bauwerk eine wichtige Rolle für die Formensprache spielt. Normaler Beton eignet sich für diese Aufgabe nicht, weil er zu steif ist und außerdem verdichtet werden muss, was hier wegen des hohen Bewehrungsgrades nicht möglich war.
Auf der Suche nach einem geeigneten Material stießen die Architekten auf Selbstverdichtenden Beton (SVB bzw. SCC Self Compacting Concrete). Er fließt aufgrund seiner speziellen Zusammensetzung eigenständig wie Honig in die Schalung und füllt alle Hohlräume gleichmäßig aus. In Europa gibt es zwar bereits einige Referenzprojekte, doch in Deutschland ist er noch nicht zugelassen. In Zusammenarbeit mit der deutschen Betonindustrie und dem Institut Baustoffe, Massivbau und Brandschutz der Technischen Universität Braunschweig gelang es den Architekten, für den Einsatz beim Science Center in Wolfsburg eine bauaufsichtliche Zulassung im Einzelfall zu erhalten.


